Tegerfelden (Teufelskanzel), Gemeinde: Tegerfelden AG
Koordinaten: 663 / 268

Der Müllersknecht und die Schlossjungfrau

Einst lebte auch im Dorf zu Tegerfelden ein armer Müllersknecht aus dem Schwarzwald. Als nun die Dorfleute am Neujahr den Berchtoldstag wie vor alten Zeiten mit vieler Lustbarkeit feierten, wollte auch er in einem Tanzhause ein Mägdlein zum Tanz auffordern. Aber niemand wollte mit ihm tanzen. "Heut' tanzt man mit keinem Wäldler!" riefen ihm die Mädchen zu. Das brachte ihn sehr auf, und er rief zornig: "Ei, so will ich euch mit einer Tänzerin kommen, wie hier noch nie eine gesessen ist!" Und dann ging er davon. Und da er ein Sonntagskind war, lief er geradewegs zur Burgruine ob der Surb. Drei Weidenzweige warf er über die Schulter ins Wasser und klagte der Schlossjungfrau sein Leid und bat sie, ihm doch drei Tänze zu bewilligen, da kein irdisch Mädchen einen Tanz mit ihm tun wolle. Schlag elf wolle er sie wieder heimführen, und danach möge sie ihm auch drei Proben auferlegen.Da stand die Jungfrau plötzlich neben ihm, nahm ihn an der Hand und sagte: "So komm!"

Willig folgte ihm nun die verwunschene Maid ins Tanzhaus nach Tegerfelden. Als sie eintraten, staunten alle die wunderschöne, weissgekleidete Jungfrau an der Hand des ärmlichen Müllerknechtes an, und vor lauter Respekt zogen die Burschen die Hüte ab. Da winkte die Jungfrau, die Musik zog los, und nun tanzte sie gar zierlich mit dem Knechtlein drei Tänze nacheinander, und alles Volk schaute ihnen voll Bewunderung zu. Aber dann nahm sie den Burschen wieder an der Hand und ging lautlos mit ihm davon, in die Nacht hinaus. Da ward es dem Müllerknecht doch bange, je näher er der Burg kam. Aber er fasste sich ein Herz und liess sich von der Jungfrau ruhig in alle drei unterirdischen Säle führen.

Als sie jedoch in den dritten Saal kamen, wo die Kindlein an den Wänden herum schliefen, rief die Jungfrau weinend: "Siehst du, so habe ich mich versündigt! Diese lieben Kindlein da sind mir nicht dem Leben erweckt worden. So zahlreich wie die Jünglinge und Jungfrauen im zweiten Saal wäre meine Nachkommenschaft sonst geworden, hätte ich einen der Greise im ersten Saal geheiratet, die alle meine Freier waren. Aber so gross war mein Stolz und meine Eitelkeit, dass ich, im Einverständnis mit meinen herzlosen Eltern, keinen der vielen Ritter zum Manne annehmen wollte, der nicht die Probe bestünde, dreimal unsere Burg auf ihren gähen Felsen zu umreiten. Alle wagten es, und alle stürzten bei der grausen Probe zerschmettert in den Fluss.

Einer aber war, der die Probe glänzend bestand. Dreimal ritt er auf seinem Pferde um die Burg und fiel doch nicht tot. Aber da er ein niederer Ritter war, schämte sich die Mutter des armseligen Freiers, und als sie ihm nun den Verlobungstrank reichte, mischte sie ein Kraut hinein, das ihn in Schlaf versenkte. Wie er aber schlief, liess sie ihn heimlich über die Felsen der Burg zu Tode stürzen.

Wie ich nun erwachte und es erfuhr, packte mich wilde Verzweiflung, denn gerade diesen hatte ich liebgewonnen, und an der gleichen Stelle, wo man ihn hinabgestürzt, sprang auch ich in die Tiefe und in den Tod. Zur Strafe muss ich nun hier die Hüterin der Opfer meines Übermutes sein. So hilf mir denn, sonst kann ich nicht selig werden. Küsse nun das Hündlein. Danach nimm allen diesen Mägdlein ein Haar vom Haupt, jedem Greise eines aus dem Bart und trage diese Haare hinaus in den Bach, bevor es zwölf schlägt. Eile, eile, denn wenn es im Dorfe Mitternacht schlägt, schliessen sich die verwunschenen Tore wieder."

Der Müllerknecht wagte alles. Obwohl sich das Hündlein in allerlei Gestalten verwandelte, küsste er's doch. Er hob auch die Jungfrau auf den Eichentrog, obwohl sie sich schwer machte wie ein Berg, und küsste sie. Er zupfte den Mädchen und Greisen die Haare aus und trug sie raschen Fusses zum Bach. Es war aber auch höchste Zeit. Mitternacht war nahe. Nur noch zwei Bärte sind übrig, nur noch von diesen soll er zwei weisse Haare in die Surb werfen. Und gerade jagt er mit dem zweitletzten durchs dritte Eisentor zum Schlossberg hinaus, da schlägt's in Tegerfelden zwölf Uhr, und donnernd fahren hinter ihm die Tore zu. Wie betäubt stand er da, aber die Tore blieben geschlossen, sooft er auch später auf den Berg kam. Eines Tages fand man ihn tot in der Mühle.

Quelle: Meinrad Lienert, Schweizer Sagen und Heldengeschichten (Stuttgart 1915)