Tschanüff, Gemeinde: Ramosch GR
Koordinaten: 824 / 191

's wild' Bauerng'fahr (Die wilde Bauernfahrt)

Drei Stunden von Nauders im Engadin liegt das Dorf Ramis, mit malerischen Ruinen eines grossen Schlosses auf einem Hügel. Einst hauste in diesem Schlosse ein wilder, geiziger Zwingherr, welcher auch die Nauderser Bauern und noch viele andere Tiroler zu eigen hatte. Er regierte abwechselnd bald im Nauderser, bald im Ramiser Schlosse. Er schindele die Bauern ärger als das Vieh, daher wären sie von dem Zwange gerne frei gewesen, verschworen sich und machten geheime Befreiungspläne.

Just um diese Zeit entlehnte ein Bauer von dem Zwingherrn ein paar Ochsen gegen einen Sack voll Korn, bis der Bauer die ganze Feldarbeit würde vollendet haben. Das erlaubte aber der Schlossherr nicht, sondern forderte seine Ochsen früher zurück, und als der Bauer noch einige Zeit die Ochsen benützte, kam ein Knappe des Zwingherrn, um den Bauer auszugreinen und die Ochsen heimzutreiben. Der Bauer versprach dem Herrn noch einen Sack voll Korn zu geben, wenn er ihm die Ochsen nur noch ein paar Tage überlasse, und so gingen sie voneinander.

Nach zwei Tagen kam der Zwingherr selbst um die Ochsen und den Sack voll Korn. Der Bauer führte den Herrn in den Stadel, um ihm den Roggen zu zeigen und selbigen in den Sack zu fassen; als sich aber der Zwingherr bückte, um die Frucht anzusehen, schlug ihn der Bauer über den Kopf hin, dass er tot zu Boden sank und sein Blut über den Roggenhaufen herabfloss. Gleich darauf steckte er ein Fähnlein aus, und alsbald stürmten die Nachbarn mit diesem hinauf ins Ritterschloss, erbrachen es, schlugen die Besatzung nieder und stellten die Volksfreiheit auf.

Aber bisweilen wird die Luft der Freiheit durch eine stürmende Geisterfahrt zwischen Nauders und Ramis gestört, wobei Ochsengebrülle vor allem sich hören lässt. Das sind der Zwingherr und seine Ochsen und die bösen Geister seiner Dienstmannen, man nennt es "'s wild' Bauerng'fahr".

Quelle: Deutsche Alpensagen. Gesammelt und herausgegeben von Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg, (Wien 1861) Nr. 236.